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Auszug aus dem Kapitel "Entwicklungsdenken"

Teil 1 

 

Unsere vier Evangelisten halten sich noch immer in Südfrankreich auf. Immer noch im Schloss, immer noch an einem der wenigen nicht-sozialistischen Orte der Welt, immer noch umsorgt von Maurice und Susanne. Sie haben es sich auf der Bibliotheks-Terrasse bequem gemacht und sprechen über das Entwicklungsdenken Rudolf Steiners. Die ausladenden Korbsessel, in denen sie gemütlich sitzen, knirschen leise, wenn sie ihre Gläser mit den exquisiten Getränken aus der Bibliotheks-Bar vor der Kulisse eines grandiosen Sonnenunterganges über dem Katharerland zum Munde führen.

[…]

Felix Hau greift in die Schüssel mit den Erdnussflips: Ich habe noch eine ganz andere Frage: Warum ist es eigentlich ein Problem, wenn Steiner – was ich durchaus auch so sehe – sehr fix getimte Entwicklungsstufen und -epochen angibt? Also ich meine: Was daran ist denn so schlimm? Wenn man jede Rezeptionsalternative zum herkömmlichen Verständnis außen vor lässt – und das tun ja alle –, gibt es doch eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder hat er Recht oder nicht. Wenn er nicht Recht hat: wozu die Aufregung? Und wenn er Recht haben sollte, kann man sich ja mit der Frage befassen, wie er das ahnen, wissen oder zumindest treffend voraussehen konnte. Ich werde bei dem ganzen Theater, das Steiners Entwicklungsdenken vor allem in Bezug auf Völkermissionen, Rassen und so weiter betrifft, den Verdacht nicht los, dass die Kritik von der Sorge getragen ist, hier sei ein Rattenfänger auf großer Pirsch und könnte Menschen zu irgendwelchen Bösartigkeiten verführen. Ich finde das abgrundtief lächerlich – einmal, was Steiners Intention betrifft und zum anderen in Bezug auf die hintergründige Ansicht, Menschen ließen sich heutezutage und ohne jede Rücksicht auf sonstwelche Kontexte von Büchern dazu verleiten vollkommen bekloppt zu werden. 

Christian Grauer: Naja, das sind jetzt gleich zwanzig Fragen auf einmal. Welche willst Du zuerst diskutieren?

Felix Hau:Such dir die schönste raus!

Christoph Kühn: Also “schlimm” ist daran gar nichts. Ich finde es nur etwas einengend, eine Weltanschauung eben, die, bei Licht betrachtet, erstaunlich mechanistisch, ja ahrimanisch wie auf einem unsichtbaren technischen Automatikgetriebe gegründet ist.

Felix Hau nimmt einen Schluck Wein – ein eiskalter Sauvignon Blanc – und blinzelt in die untergehende Sonne: Möglicherweise ist der Weg zur Freiheit ja eng und begrenzt? Was unterscheidet denn Steiners Entwicklungsdenken von – um mein obiges Beispiel wieder aufzugreifen – der Axiomatik der Entwicklungspsychologie? Ich meine das jetzt nicht in Bezug auf Nachweisbarkeit und Inhalt, sondern im Hinblick auf die Struktur und die ethische Einordnung. Man ist sich doch heute relativ einig darüber, dass ein Kind sich durch bestimmte Stadien hindurch entwickelt – und entwickeln muss –, um ein gesundes, autonomes Individuum zu werden ...

Christoph Kühn: Laut Steiners Weltentwicklungssystem dauert unsere jetzige “Germanisch-Angelsächsische Kulturepoche” noch bis exakt ins Jahr 3573 nach Christus an. Niemand würde auf die Idee kommen, zu sagen, dieses oder jenes Kind wird genau am 4. April 2011 ein autonomes Individuum geworden sein.

Christian Grauer: Doch. Mir wurde exakt am 22.5.1986 der Entwicklungsschritt zu einer Person mit der Befähigung zum Führen eines Kraftfahrzeugs zugeschrieben. Und das ist kein Einzelfall!

Felix Hau lacht: Das ist mehr ein quantitatives Problem. 3573 nach Christus hat zum einen den Vorteil, sehr weit entfernt zu sein. Zum anderen: Was spricht gegen errechnete Entwicklungsstufen? Aber ich meinte das ganze ohnehin eher qualitativ ...

Ansgar Martins: Jetzt ist aber langsam mal gut! Qualitativ ist es erstmal kurzsichtig und auch relativ dumm, zu behaupten, in diesem und jenem Zeitraum sei der Beitrag dieser oder jener Kultur menschheitlich erwünscht, aber alle anderen erstmal weniger relevant oder gar dekadent. Und für die Kulturen, die ihre “Epoche” schon gehabt haben sollen, wird es sogar noch rigoroser – siehe Steiners Haltung zum Judentum: Von dem wird die autonome Auflösung gefordert und behauptet, dass seine Offenbarungen nach Moses und spätestens Christus als “wertlos”, so Steiner wörtlich in seinem “Fünften Evangelium”, angesehen werden müssten. Auf dieselbe Weise wird die Ausrottung der Indianer damit begründet, dass sie durch Saturn zum Aussterben bestimmt wurden und deshalb sterben mussten und nicht etwa, weil es “europäischen Siedlern gefallen” habe. Das sind die Konsequenzen einer solchen Fortschrittslehre, bei der ich bestimmte, so genannte “Entwicklungshöhen” des Geistes mit bestimmten Kulturen, gar “Rassen” verbinde, und die Zahlenspielereien zeigen noch einmal den völligen Determinismus – Freiheit ist nur sehr beschränkt möglich, wenn es eine bestimmte Eigenschaft zu entwickeln oder andernfalls in “Degeneration” zu fallen gilt. Und der Blick durch die “Kulturepochen-Brille” verengt eben auch die Sichtweise auf tatsächlich stattfindende Phänomene in der Geschichte.

Christoph Kühn: Es gibt Namen für das, worum es hier geht: Man nennt das Hellsehen oder auch Prophetie. Das mag man kurzsichtig oder dumm finden. Und man mag auch Steiners Aussagen über eine Zukunft ohne nationale, religiöse oder ethnische Identitäten als träumerisch, naiv oder blöd bezeichnen. Man kann dies aber auch als befreiend und fortschrittlich betrachten, ganz im Sinne einer zusammenwachsenden Welt. Oder man sieht darin wiederum eine unzulässige Assimilierungsforderung. Ich finde Steiner hier sehr widersprüchlich: Einerseits spricht er nationalen, religiösen und ethnischen Identitäten zukünftig die Existenzberechtigung ab, andererseits aber entwirft er einen in Zeitaltern und Kulturepochen strukturierten Weltentwicklungsplan. Dass er überhaupt ein solches Evolutionsprogramm auf den Markt gebracht hat, finde ich dabei völlig in Ordnung. Der Mensch darf ja Visionen haben, auch Hellsehen ist erlaubt. Problematisch finde ich vielmehr gewisse Anthroposophen, die meinen daraus dogmatisch eine Art Ratgeber mit Anweisungen über die richtige Weltanschauung ableiten zu müssen.

Felix Hau: Wohl wahr. (Er zündet sich eine NIL-Zigarette an und bläst den Rauch in Form eines Ausrufezeichens in den Abendhimmel) Allerdings hat der Doktor in seinen diesbezüglichen Behauptungen ja bisweilen einfach Recht. Es ist zum Beispiel in der Tat so, dass sich die europäische – inklusive der sich aus europäischen Einwanderern formierenden amerikanischen – Kultur in den vergangenen paar hundert Jahren zur Speerspitze des Fortschrittes in jeglicher Hinsicht entwickelt hat. Es ist albern zu leugnen, dass “wir” seither und nach wie vor die Führungsrolle in der “Weltentwicklung” einnehmen. Ich verstehe auch nicht wirklich, was an diesem Diktum als solchem so furchterregend sein soll. Dass Steiner in seinen evolutionären Eifer auch die Religionen einbezieht, mag aus religiöser Sicht ein Fehler sein – diese Sicht hatte er aber nicht. Wenn man so will, interpretiert Steiner Religion utilitaristisch und stellt anhand der ausgemachten Unterschiede fest, welche einer anderen in dieser, dem menschlichen “Weiterkommen” dienenden Hinsicht überlegen ist. Problematisch wird das dann, wenn es aus der religiösen Perspektive betrachtet und “verwertet” wird. Und hier liegt übrigens auch einer der Hauptgründe für meine Aversion gegen sich immanent als Christen verstehende Anthroposophen.

Ansgar Martins zu Christoph: “Der Mensch” darf alles mögliche, Visionen find’ ich wunderbar und Prophetien erstmal interessant. Das ist als Argument in diesem Zusammenhang aber, mit Verlaub, außerordentlich irrelevant. Natürlich hat niemand was dagegen, dass Steiner etwas visionierte, wobei der das natürlich gar nicht wollte; er bestand darauf, Wissenschaftler zu sein – das Problem ist, was er da teilweise visionierte. Und damit meine ich nicht, dass nach Steiner in ein paar Jahrtausenden, nach dem “Krieg aller gegen alle” und dem Eintritt der Erde in neue Verfasstheiten der Spiritualisierung, alle “Rassen-” oder “Gruppenunterschiede” aufgehört haben, auch nicht, dass er den Beginn dieses Prozesses schon mit dem Kommen Christi eingeläutet sah. Damit meine ich, dass er gegenwärtig existenten Kulturen und fiktiven, wenn auch damals allgemein angenommenen “Rassen” ihre Existenzberechtigung abspricht und dann schlicht unzutreffende Behauptungen über deren mentale Veranlagung aufstellt – beispielsweise 1923, “die Gelben” könnten eben nicht konkret denken und würden daher niemals mit der den Europäern vorbehaltenen Technik und Maschinisierung umgehen können. Und heute, naja: 2002, veröffentlicht der “Bund der Freien Waldorfschulen” ein Buch, in dem das als “Vorwegnahme des Human-Genom-Projektes” bezeichnet wird. (Zu Felix:) Das ist auch nur eine halb-richtige Interpretation: Amerika war und ist in Steiners Völkerpsychologie von Europa denkbar weit entfernt. Da wirkt durch unterirdische Magnetkräfte der Dämon Ahriman ins Bewusstsein und erzeugt die permanente “Versuchung” durch den Materialismus. Da soll letzten Endes für was gut sein, ist aber die nächsten Jahrhunderte nur “intellektualistische” Versuchung für die tiefsinnigen, “am Geist schaffenden” Weißen. Die “Amerikanische Kulturepoche”, also die, in der Steiner “den Amerikanern” oder ihrer Kultur die menschheitsgeschichtliche Hegemonie zubilligte, beginnt erst im Jahr 5733 nach Christus. Das religiöse Problem, das du angesprochen hast, ist eines. Meiner Meinung nach ist die völkerpsychologische Dimension dieses Evolutionismus probematischer.

Felix Hau: Amerika ist ein schönes Beispiel dafür, dass man Steiners Hantieren mit übersinnlichen Mächten und Kräften sehr unterschiedlich rezipieren kann: differenziert und flach. Tut man es flach, kommt entweder – bei den Kritikern der Anthroposophie – eine Aversion gegen “den ganzen Unsinn” auf oder es offenbaren sich – bei den Anhängern – dem anthroposophischen Weltbild scheinbar eingebaute Ressentiments. Jedenfalls ist es fataler Matsch-Quatsch. Ja, Steiner schreibt der amerikanischen Kultur einen immanenten Materialismus zu – ich finde übrigens: völlig zu Recht, das nur am Rande –, aber er verteufelt ihn nicht. Er hält die Amerikaner für junge Materialisten, so, wie jedes Kind zunächst Materialist ist, und stellt ihnen vergleichshalber Europäer gegenüber, die Materialisten werden. Letztere, sagt Steiner, stürben dann als Mensch, während die Amerikaner den Materialismus gerade brauchen, um ihre Kultur zu entwickeln. Man neigt bei der Steiner-Lektüre dazu, irgend eine thematische Charakterisierung herauszugreifen und die darin enthaltenen Wertungen zu verallgemeinern. Damit tut man Steiner aber in aller Regel Unrecht, weil er multiperspektivisch gearbeitet hat. Es gibt zu so gut wie jeder Charakterisierung noch drei, vier andere – oft an ganz anderen Stellen der GA –, die das Bild, das bei der ersten entstanden ist, relativieren.

Ansgar Martins: Also es tut mir leid, aber das ist die nächste nett zurechtgemachte Interpretation. Steiners Aussagen über Wodrow Wilson waren nicht die über ein Kind, sondern über “Ahrimanismus, das ist Geist der Finsternis”, wie er formulierte. Seine antiamerikanischen Ressentiments beinhalten freilich berechtigte politische Kritik, das zu leugnen, wäre falsch. Aber die begründet er eben durch eine Völkerpsychologie, die recht abstruse Wertungen vornimmt, und die teilweise mit extrem rechten Positionen vereinbar war. Anthroposophie gehört keinesfalls zur rechten oder völkischen Esoterik, wenn sie auch nicht so “links” war, wie die Tingley-Theosophie, aber Steiner hat sich immerhin 1918 für ein Vorwort in dem judeophoben, antifreimaurerischen und von Völkerstereotypen durchsetzten Buch “Entente-Freimaurerei und Erster Weltkrieg” von Karl Heise hergegeben, das positive Beurteilungen vom “Völkischen Beobachter” oder Himmler bekam. Lange Rede, kurzer Sinn: Bei Steiner finden sich teils kluge Einschätzungen tagespolitischer Ereignisse und Standpunkte, engagierte, wenn auch nicht unproblematische Entwürfe, wie die Soziale Dreigliederung, aber neben und in diesen Vorstellungen und Einschätzungen auch unsägliche Stereotypen und sozialdarwinistische Entwicklungsgedanken.

Felix Hau schenkt sich Wein nach: Lustig, dass du ausgerechnet Wilson erwähnst. Wilson, sagt Steiner, sei gar kein richtiger Amerikaner; er habe seine unfruchtbaren Ideen allesamt aus Europa.

Christian Grauer fuchtelt sichtlich nervös mit seinem leeren Wasserglas in Richtung Ansgar herum: Was hast du eigentlich für Vorbehalte gegen Finsternis? Und was gegen Ahrimanismus? Das sind tolle Dinge, ohne die unsere Welt völlig für den Arsch wäre! Ich stimme Felix’ Position deutlich zu, die meisten Missverständnisse – in beide Richtungen, wohlgemerkt – kommen dadurch zustande, dass man Steiners Ansagen moralisch und wertend liest. Das ist aber unreflektierter Quatsch und erst recht zurechtlegende Interpretation, weil in der Regel nur die eigenen Moralvorstellungen Steiner übergestülpt und in sein Werk hineininterpretiert werden. Ahriman und Luzifer haben zwar mythologisch denselben Ursprung wie Satan und der Teufel, aber in Steiners Systematik nehmen sie einen völlig anderen Platz ein. Sie sind nicht die Opposition zu irgend einem überheblichen Gott und das absolute Böse, sondern sie sind zwei Grundprinzipien der sich als Sinnlichkeit entfaltenden Welt. Sonst hätte Steiner wohl kaum Medikamente entwickelt, die ahirmanische und luziferische Wirkungen haben. Wer mit kindlich-naiven Moralvorstellungen und Gottes- und Teufelsbegriffen an Steiners Werk herangeht, muss sich nicht wundern, wenn Unsinn dabei herauskommt. Im Übrigen hätte ich noch eine Frage zu vorhin: Wo spricht Steiner einer Kultur, und welcher, das Existenzrecht ab? Ich finde wir sollten mal im Rahmen des Nachvollziehbaren bleiben. Wenn Steiner den Juden vorschlägt, sie sollten sich im eigenen Interesse assimilieren, dann ist das möglicherweise antisemitisch motiviert und geht ihn insbesondere überhaupt nichts an. Wenn er behauptet, die Indianer seien als “Rasse” ohnehin dekadent und am Aussterben, dann mag das sachlich falsch, diskriminierend und in seiner grobschlächtigen Typologisierung rassistisch sein. Aber das Existenzrecht hat er damit noch niemandem abgesprochen.

Felix Hau: ... und es trifft auch nicht den einzelnen Angehörigen einer Kultur oder “Rasse”, wenn behauptet wird, dass die entsprechende Gesamtheit “in Dekadenz” gerät, untergeht oder ausstirbt. Das ist der Punkt, den ich bei der Rassismus-Debatte noch nie verstanden habe: Es ist doch absurd anzunehmen, dass sich beispielsweise ein einzelnes Exemplar der Gattung Neandertaler dadurch diskriminiert gefühlt haben könnte, dass der Neandertaler irgendwann ausstarb – wohlgemerkt: er starb tatsächlich aus und nicht nur in prophetischer Vorausschau. Wenn irgend jemand hergehen würde und demographische Mutmaßungen beispielsweise über die Zukunft der Deutschen anstellte und zu dem Schluss käme, dass die irgendwann aussterben, weil nicht mehr genügend Kinder pro Generation geboren werden, diskriminiert das doch nicht einen einzigen Deutschen. Mich betrifft es nicht einmal. Und was das Judentum angeht: Ich habe ja selbst vor einigen Jahren in Info3 geschrieben, dass Steiners entsprechende Bemerkungen sich ganz wunderbar in die allseits verbreiteten antijudaistischen Ressentiments des Bürgertums im ausgehenden 19. Jahrhundert einfügen und für mich klar antisemitisch sind. Aber: Man muss auch sehen, dass es einen Unterschied zwischen dem eleminatorisch gemeinten Antisemitismus beispielsweise eines Georg von Schönerer und dem “gewöhnlichen” Antisemitismus in weiten Teilen der Gesellschaft gab. Außerdem kann man ja durchaus die Frage stellen, warum denn eine saftige inhaltliche Kritik am Judentum inklusive der Behauptung, es habe sich überlebt, nicht zulässig sein sollte. Wenn wir Vernichtungsbestrebungen mal außen vor lassen, gilt hier auch wieder: Es wird dann merkwürdig und unappetitlich, wenn daraus sozusagen ein “Religionskrieg” gemacht wird, will heißen, wenn ich aus einer bestimmten konfessionellen Perspektive andere Konfessionen be- und aburteile – und genau das geschieht in Anthroposophistan eben leider ständig. Aber nehmt zum Beispiel Max Stirner. Der spart nicht mit ätzenden Bemerkungen zum Judentum und seinen Eigenheiten. Er spart aber ebenso wenig mit ätzenden Bemerkungen zum Christentum und den seinen. Er hält Religion ganz grundsätzlich für idiotisch. Oder nehmt Rudolf Steiner selbst, der sich noch 1899 öffentlich und wunderbar ironisch über die “religiösen Naturen” im Allgemeinen und das Christentum und seine Anhänger im besonderen mokiert.

Christoph Kühn: Naja, Felix, es trifft den einzelnen Angehörigen einer Kultur natürlich schon und zwar insofern als er sich im Falle des plötzlichen Untergangs “seiner” Kultur eine andere suchen muss oder eine neue gründen muss. Vorausgesetzt, er möchte überhaupt einer Kultur angehören. Wenn man zum Beispiel sagt, das Judentum soll verschwinden, was ist dann mit den Trägern dieser Kultur, den jüdischen Frauen und Männern? Ach und Ansgar, nur nebenbei bemerkt: Der Begriff der “Völkerpsychologie” lässt zwar den Nazometer nach oben schnellen, ist aber völlig veraltet. In der Ethnologie und Anthropologie spricht man, so weit ich das weiß, heute eher von Sozialpsychologie oder auch von Mentalitäten. Gerade in Bezug auf die USA, einem auch schon vor hundert Jahren multiethnischen Einwanderungsland, ist es ziemlich absurd von “Völkerpsychologie” zu sprechen, gar von einer völkischen. Solche eingeengten Sichtweisen und Typologisierungen sehe ich vielmehr in der Steiner-Rezeption als bei Steiner selbst. Etwa beim “Europäer”. Und Antiamerikanismus ist damals wie heute nicht nur in der in rechten, sondern auch in der linken Szene sehr verbreitet. Es ist nicht verwunderlich, dass sich Steiner überwiegend in liberalen und linken Kreisen bewegte und die Anthroposophie wie auch ihre Praxisfelder heute vor allem im links-alternativen und ökologischen Spektrum auf fruchtbaren Boden fällt. Das hat meiner Meinung nach gerade auch mit Steiners vermeintlichem Antiamerikanismus und seiner vermeintlichen Materialismus-Kritik zu tun. Unter heutigen Anthros ist daraus vielfach eine freudlose, technik- und lustfeindliche Grundhaltung geworden.

Ansgar Martins mit besorgniserregend bleichem Gesicht: Mir wird gleich schlecht. Was ist denn nur mit euch allen los? Natürlich, lieber Christoph, gebrauche ich den Begriff “Völkerpsychologie” nicht, weil ich davon ausgehe, dass sich “Psychen” einzelner “Völker” finden oder charakterisieren ließen – ich gebrauche diesen Begriff in Bezug auf Steiner, weil er veraltet und meiner Einschätzung nach ein guter Überbegriff für dessen Volksseelenlehre ist. Ob Antiamerikanismus sich links oder rechts findet – dass er gerade in der Antiimperialistischen Linken zuhauf auftritt, musst Du mir bedauerlicherweise nicht erst sagen, viel stärker aber in einem “postmaterialistischen”, konservativen Bürgertum –, ist ziemlich egal, er existiert, und das erstaunlich penetrant, und existiert eben auch bei Steiner. (Zu Felix:) Es trifft sehr wohl eine Person, die in einem bestimmten kulturellen Zusammenhang lebt, wenn behauptet wird, dieser sei, und keineswegs in seinen Ausdrucksformen, sondern im Wesen, abzulegen und aufzugeben. Oder wenn behauptet wird, deine Kultur sei erst in 3000 Jahren fähig, politisch wirklich Taugliches zu produzieren – solche Urteile treffen immer Menschen, niemals “die Kultur” abstrakt, weil es Menschen sind, die diese Kultur mehr oder weniger und wahrscheinlich meist ohne besonderen Pathos ausfüllen. Mindestens aber führen solche Urteile, ob moralisch oder “wissenschaftlich”-evolutionär gemeint, zu solchem Unfug, wie Steiners Aussage, früher oder später müsste Französischunterricht verschwinden, weil diese Kultur überholt und die Sprache lügenhaft sei. Wenn jemand sich nicht beleidigt fühlt oder – im Idealfall – anfängt, zu lachen, wenn ihm gesagt wird, seine Sprache sei eine lügenhafte Leichnamssprache, würde mich das doch einigermaßen wundern. Steiners “Dekadenz” bezog sich niemals nur auf einen demographischen Wandel oder das Ausbrechen einer Krankheit, sondern auf Kulturgut beziehungsweise religiöse Inhalte in ihrer angeblichen “spirituellen” Essenz, womit er, ganz wie du sagst, genau wie mit dem Antijudaismus im Denken des 19. Jahrhunderts steht. (Er wendet sich Christian zu) Finsternis ist super und Ahriman wohnt bei mir unter dem Nachttisch, ich habe ihn lieb und geb’ ihm manchmal ein bisschen Müsli. Und dass er mich auch lieb hat, wissen wir ja spätestens seit seiner vulgärtheosophischen Präsentation als infernalisch lachende “Wesenheit” durch Holger Niederhausen. Aber Spaß beiseite: Wo Steiner die eine Kultur als ahrimanisch, die andere als michaelisch bezeichnet – wie im Falle USA und “Mitteleuropa” – ist wohl klar, dass die einen für ihn die Funktion der zu überwindenden Versuchung, die anderen die der versuchten Überwinder einnehmen. Vielleicht muss ich dir demonstrieren, was das Diskriminierende an Steiners Gebrauch von Dämonenmetaphern in seiner Rassenlehre ist (hechtet nach drinnen zum Bücherregal und joggt die nicht enden wollende Reihe von 365 Bänden der leinengebundenen “Rudolf Steiner Gesamtausgabe” entlang)

Felix Hau schaut dem kreideweißen Ansgar hinterher: Zumindest, was mit mir los ist, kann ich dir ziemlich genau sagen. Aber willst du vielleicht erstmal einen Schnaps (er winkt mit einer Flasche Wodka)? So für den Kreislauf? Nicht, dass du mir hier gleich im gestreckten Galopp von der Weide kippst …

Ansgar Martins ruft atemlos vom Regal her: Danke, sehr nett. Aber muss es Wodka sein? Ich komm klar...

Felix Hau wühlt konzentriert in den Beständen und fischt hoffnungsvoll eine Flasche Amaretto heraus: Wie wär’s damit? Auf Eis? (Er wedelt liebreizend mit dem mandeligen Wohlfühlnektar, schenkt, nachdem Ansgar nickt, ein Gläschen ein, lässt einen Eiswürfel dazugleiten und überbringt das Ganze dem drinnen Joggenden).

Ansgar Martins nimmt das Glas aus Felix’ Hand, stellt es im Regal ab und eilt an der GA-Reihe weiter: Ja Moment, “erst die Arbeit...” und so – und wir sind ja noch mitten in der Diskussion. Und auch danach nur, wenn wir noch Zitrone da haben.

 

>>> Zu Teil 2.

 
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