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Anthroposophisch wohnen, anthroposophisch leben

Als Vorgeschmack und zum Warmwerden: Ein Auszug aus Kapitel 5 des Buches.

 

Christoph Kühn: So, meine Lieben, jetzt wird’s so richtig gemütlich im Schloss. (Er zündet eine Bienenwachskerze in einem kupfergetriebenen Kerzenhalter an. Daneben platziert er einen Bergkristall auf einem dunkelroten Seidentuch. Zurück im Sessel legt er die Beine hoch und liest aus Steiners „Seelenkalender“ vor).

„Geheimnisvoll das Neu-Empfang’ne
Mit der Erinn’rung zu umschließen,
Sei meines Strebens weitrer Sinn:
Er soll erstarkend Eigenkräfte
In meinem Innern wecken
Und werdend mich mir selber geben.“

(Nach einem Moment der Stille) Das dürfte reichen zur Einstimmung auf’s Thema des heutigen Abends. Woran erkennt man denn nun einen anthroposophischen Haushalt? Was gehört hinein in die gute Anthrostube? Daheim beim Anthroposophen, da findet man ja nicht nur Bienenwachskerzen und Edelsteine. Mich interessiert, ob es so etwas wie eine Anthro-Kultur, eine anthroposophische Alltagskultur gibt. Wie würdet ihr die ideale anthroposophische Wohnung einrichten? Was müsste dabei bedacht werden? Und vor allem: Was wäre daran das Anthroposophische? 

Ansgar Martins drapiert ein paar gefilzte Zwergenpüppchen um Kerzenhalter und Bergkristall und bestaunt das vollendete Kunstwerk: Jetzt sieht es fast aus wie ein Jahreszeitentisch. Sehr anthroposophisch, geradezu eine Imagination des Anthroposophischen. Weich, ohne Ecken und Kanten, Naturmaterialien, mit viel Liebe zu viel Kitsch drapiert. Liebenswert, unverwechselbar – und es kann sich nichts Ungewolltes einschleichen, das nicht sofort als solches erkannt werden könnte, im positiven wie negativen Sinne …

Felix Hau blickt sich panisch suchend um: Wo ist denn das Schaffell? Ein Schaffell fehlt! (Er greift zum Telefon – einer organisch geformten Variation aus Rotbuche, deren drehend geschwungenem Hörer beim Abheben ein gedämpftes „Dhuuuhd“ entströmt – und wählt. Währenddessen, zur Runde gewandt) Im Übrigen wird musiziert! Bei Anthroposophen wird ständig musiziert! (Dann, in den Hörer) Ein Schaffell in die Bibliothek, bitte. Ach, und Maurice: Bringst du auch gleich die Choroi-Flöte mit? Ja, genau, das ist diese gerade Holzröhre mit den drei Löchern. Danke!

Ansgar Martins: Ach ja, natürlich. (Er packt ein pastellfarben eingebundenes Liederbuch aus einem Rucksack, der unter seinem Stuhl lag, und schlägt es in der Mitte auf. Die aufgeschlagenen Seiten zeigen – wiederum pastellfarbene – Vögelchen, Blümchen, Elfchen, Zwergchen und Kinderchen, die glücklich miteinander um die in abgerundeten Buchstaben abgebildeten Textzeilen und Noten des Waldorfklassikers „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ tanzen. Er legt das Buch auf den Tisch und zündet ein weiteres, kleineres Bienenwachskerzchen an, das er in einen sternförmigen Holzständer stellt) So, fein. Fehlt jetzt noch was?

Christoph Kühn Ach – und das soll also anthroposophisch sein? Naturmaterialien, das findet man doch auch bei normalen Ökos. Und musiziert wird in vielen gutbürgerlichen Haushalten auch. Also, da müsst ihr noch mal in euch gehen. Es muss doch auch eindeutig anthroposophische Kulturelemente geben. Was ist mit Leuten, die einen Pentagondodekaeder herumstehen haben: Wäre das nicht ein klares Zeichen?

Ansgar Martins: Ich finde auch, irgendwas spezifisch Anthroposophisches fehlt noch, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen.

Felix Hau: Die Garderobe! Also ich meine: Vielleicht … (schaut sich unsicher um) … ließe sich ja anhand der Bekleidung der Anthroposoph vom Nicht-Anthroposophen scheiden?

Ansgar Martins: Oft genug sicher. Wallende Röcke, hochgesteckte – zumindest am „Zweigabend“ – Haare bei den Damen, Baskenmütze bei den Herren, Naturfasern und -farben natürlich. Sowie dabei ein penetrant weiser oder jedenfalls ernster Gesichtsausdruck. Zumindest in der älteren Generation. Mit den 68ern wird sich das allmählich gelockert haben …

Die Tür öffnet sich und ein ausgesprochen gut aussehender junger Mann in Livree trägt mit offenkundig fragendem Blick ein gefaltetes Schaffell und eine Choroi-Flöte herein, setzt beides behutsam auf dem Tisch ab, nickt beim Anblick der weiteren Devotionalien nachsichtig und betont freundlich und verlässt den Raum dann wieder auf leisen Sohlen. Vielleicht ein ganz kleines bisschen zu schnell.

Felix Hau schaut Maurice lange und versonnen lächelnd nach, fängt sich dann: Ah, das Fell. Zu mir damit, bitte. Es ist ein wenig frisch am unteren Ätherleib. (Christoph reicht ihm das Fell). Tausend Dank! So, und die Choroi-Flöte möchten wir doch bestimmt hübsch still auf das Liederbüchelchen legen? (Er blickt drohend in die Runde) Es wird sie ja wohl niemand spielen wollen, oder?

Ansgar Martins: Kann ich vermutlich auch gar nicht mehr, das ist sooo lange her, dass ich das gemacht hab’ und sie sieht auch wirklich klein aus …

Christoph Kühn: Das sind jetzt aber viele waldorfspezifische Dinge. Dabei gibt es auch im Haushalt von kinderlosen Erwachsenen einige schöne Anthroposophica: Es geht schon los mit der Gestaltung der Zimmerwände in Lasurtechnik. Dabei hat jeder der sanften Farbtöne eine eigene Bedeutung, die Küche hat eine andere Farbe als das Arbeitszimmer. Bevor man jedoch überhaupt einzieht, sollten die Räume mit Weihrauch von Ungutem und Belastendem „gereinigt“ werden. Die Vorhänge sollten aus Leinen, Wolle oder Seide sein, damit das durchschimmernde Licht für eine gute Stimmung im Raum sorgt. Auch die Lampen sollten ein eher gedämpftes Licht ausstrahlen. Die Bilderrahmen und auch die Kartenständer sind gerne aus handgeschnitztem Holz und sie zeigen meist Aquarellbilder, daneben auch Portraits von Rudolf Steiner, Michael Bauer, Ita Wegman, Novalis oder Goethe. Bei älteren Anthroposophen findet man auch Möbel, die nach Steiner-Art – „abbe Ecken“ und so – angefertigt sind. 

Während Christoph spricht, verwandelt sich der Raum nach und nach. Wie von Geisterhand gestaltet, nimmt er die genannten Elemente in sich auf: Die Fenster werden mit einem Mal von seidenen Vorhängen verhüllt, das Licht wirkt gedimmt und an der Wand gegenüber der Eingangstür erscheint ein überdimensioniertes Goethe-Porträt in einem geschwungenen, kunstvoll geschnitzten Kirschholzrahmen.

Christoph Kühn fährt ungerührt fort: Und die Edelsteine stehen natürlich nicht nur zur Dekoration herum, sondern strahlen bestimmte Heilimpulse aus oder können auch bestimmte ungute Strahlungen neutralisieren oder mildern. Überhaupt: Strahlungen sind ein großes Thema bei vielen Anthroposophen! Oft riecht es beim Anthroposophen auch irgendwie typisch: Eine Mischung aus körnigem Mittagessen und Rosenduft. Man soll sich ja nicht so oft waschen, weil dann schützende Körperhüllen weg sind, man ölt sich stattdessen gerne mit kostbaren Ölen ein. (Er macht eine Pause) – Wie fühlt ihr euch?

Felix Hau starrt auf ein Bild des heiligen Drachenmeuchlers Georg, das plötzlich genau ihm gegenüber an der Wand hängt und saugt gierig den aufkommenden Duft von Calendula durch seine Nüstern: Krass!

Ansgar Martins mit ausdrucksloser Miene: Das wird mich … verfolgen.

Christian Grauer streckt den Kopf zur Tür herein und schaut sich konsterniert um: Sagt mal, hat hier einer psychedelische Drogen ins Essen getan? (Er betritt vorsichtig-interessiert den Raum)

Felix Hau bemerkt, dass er eine Strahlenschutzweste aus Torffasern anhat und einen Rosenquarz in der Hand hält: Alter Schwede! Das glaubt einem nachher wieder keine Sau.

Christoph Kühn: In Lemurien schon! Und in Wolfsburg neuerdings auch. Hast du auch diese Doppel-Ausstellung gesehen, Christian? Ich glaube, da war auch jenes „Rote Fenster“ zu bestaunen, über das du vor Kurzem einen schönen und für manches Anthroposophenherz auch fiesen Text geschrieben hast. Meine Mutter wäre ganz auf deiner Seite, sie mag diese aufdringliche Anthro-Kunst nicht. Ich fand die „Alchemie des Alltags“ dagegen sehr interessant.

Christian Grauer: Alchemie des Alltags? Ich warte, bis die Ausstellung zu mir kommt! Über Geschmack kann man streiten und Ästhetik ist meist Gewohnheit. Was mich an dem „Roten Fenster“ stört, ist nicht der Stil, sondern dass dort die Ästhetik von der platten Symbolik instrumentalisiert wird. Und die zweite Stufe des Banausentums ist dann, dass diese symbolbefrachtete, ent-ästhetisierte Kunst auch noch zum Schema gemacht und als Mode tradiert wurde. Wie platt das ist, merkt man, wenn man sich demgegenüber anschaut, wie Beuys den anthroposophischen Kunstbegriff in seinem Werk umsetzt. Und nicht umsonst sieht sich eine hübsche Schar von Anthroposophen außerstande, Beuys als Fortführung irgendeiner anthroposophischen Idee zu betrachten: weil seine Werke schlicht und ergreifend nicht ins stilistisch-ästhetische Schema passen.

Felix Hau kommt mit einer eiskalten Flasche Chablis vom Kühlschrank zurück, entkorkt sie, gießt sich ein Glas ein und stellt die Flasche in einen geisteswissenschaftlich durchgestalteten Tonkühler: Wobei ich ja, um ehrlich zu sein, in den Wolfsburger Steiner-Ausstellungen den größten Spaß an den Skizzen zum „Roten Fenster“ hatte. Ich wusste nicht, dass Steiner „Hägar, den Schrecklichen“ erfunden hat (er nimmt lächelnd einen großen Schluck Wein)

Christian Grauer: Ja, weil du das ironisch betrachtest.

Felix Hau: Nein, kein bisschen! Ich betrachte das mit großer Freude!

Christian Grauer: Ganz genau. Und zur Freude ist wie zur Ironie eine gewisse Distanz nötig. Das Problem an der anthroposophischen Rezeption ist aber, dass diese Dinge eben gerade nicht ästhetisch betrachtet werden, sondern moralisch. Denn ästhetisch ist letztlich alles zu betrachten, weil Ästhetik einfach nur das ist, was das Wahrnehmbare ausmacht. Und das entzieht sich einer Wertung. Die anthroposophische Kunsttradition sucht aber nach einer moralischen Kunst, nach einer heilenden Ästhetik und sie ist gleichsam zwanghaft auf eine Wertung aus. Mit dieser Neurose ist sie allerdings nicht allein. Für diese Auffassung ist das, was du über Hägar sagst, bereits Blasphemie.

Ansgar Martins hat sich, entspannt und betäubt von der schwer duftenden Luft, tief in seinen Stuhl zurück gelehnt und scheint eingeschlafen zu sein.

Christoph Kühn: Wenn ich die „Distanz“ mal aufgreifen darf: Meine Eltern haben wohl beide sehr viel von diesem moralischen Kunstverständnis abgekriegt und reagieren bei „zu viel Lila“ deutlich ablehnender als ich. Für mich hat es etwas Heimeliges, weil es mich an die für mich heile Welt meiner Großmütter erinnert, die – wie Jens R. Prochnow sagen würde – noch im reinen Strom der Anthroposophie standen.

Christian Grauer: Das geht mir genauso, das ist auch nicht das Problem. Das Problem ist, dass Kunst als ein Transporteur von höheren Wahrheiten betrachtet wird. Und zwar nicht in dem Sinne, dass das ästhetische Ereignis selbst bereits die höchste aller Wahrheiten ist, sondern dass es als Medium zum Transport logisch nicht formulierbarer Inhalte dienen soll. Und dass damit der Ästhetik eine moralische Wertung beigelegt wird, die für quasi-objektiv gehalten wird.

Felix Hau: Und exakt da werde ich in der Tat ironisch, weil das absurd ist. „Genau da beginnt der Kampf“, um Helge Schneider zu zitieren. Man kann diese Hägar-Studien unmöglich ernst nehmen – und schon gar nicht in dem Sinne, dass man in ihnen einen Ausdruck von irgendetwas „Höherem“ sieht. Wer das tut, wird völlig zu Recht ausgelacht. – Ich möchte allerdings betonen, dass das kein bisschen gegen die Skizzen als solche spricht; die sind einfach göttlich (er grinst das Grinsen eines ausgesprochen süßen Honigkuchenpferdes).

Christian Grauer: Nun, das ist ja die Kernaussage in meinem Artikel, den Christoph so freundlich war zu erwähnen: Solange Steiner skizziert hat, war er göttlich. Sobald er sich anschickte, etwas auszuarbeiten, wurde es horrend.

Felix Hau: Unbenommen. Wobei ich da jetzt einfach mal frech annehme, dass du die Skizzen zum „Roten Fenster“ nicht kennst (er reißt sich zusammen, hat aber bereits Tränen in den Augen).

Christian Grauer: Nein, die kenne ich nicht.

Felix Hau schluckt und bemüht sich, ernst zu bleiben: Das ist wirklich, wirklich schade. Sie toppen die letztendliche Ausarbeitung im realen Fenster noch um Längen! Und ich meine – (er atmet betont gleichmäßig und von einem leichten Pfeifen begleitet aus und ein) – das kein bisschen despektierlich, wirklich nicht! Ich kann es so wahnsinnig schlecht erklären: Aber im Grunde haben mich diese vollkommen absurden, unmöglichen, unkünstlerischen und dilettantischen Skizzen wieder sehr mit Steiner befreundet (er bricht, Tränen lachend, zusammen und versucht verzweifelt, jeden falschen Eindruck zu vermeiden). Ich meine das ernst!

Ansgar Martins schreckt hoch, räkelt sich und schaut Felix amüsiert beim Lachen zu.

Christoph Kühn steht auf und reicht Felix ein Taschentuch mit eingestickten Initialien, links umrahmt von einem typischen Anthro-Galgen.

Felix Hau trocknet sich die Tränen: Danke!

Christian Grauer: Das ist eben der Punkt: Hätte er es bei den Skizzen belassen, wäre alles in Ordnung. Aber würde man Helge Schneider, der auf seine Weise ebenso göttlich ist, zum Glaubensbekenntnis ausarbeiten, würde es mindestens genauso grauenhaft. Das hat eben auch mit dem bierernsten moralisch-esoterischen Anspruch zu tun, der hinter einer solchen Ausarbeitung und der damit verbundenen Unfähigkeit steht, Humor zuzulassen. Distanz eben.

Felix Hau: Ganz genau. Diejenige Rezeption, die solcherlei Wunderbarkeiten als hintersinnig-weltbewegende Mysterien preist, macht im Grunde alles kaputt. Es mag erstmal so scheinen, als seien wir die, die Anthroposophie „zerstören“, „als Steinbruch missbrauchen“ und was weiß ich nicht noch alles. Aber letztlich denke ich, dass nichts der Sache mehr Schaden zufügen kann als die undistanzierte Aufnahme. Sie ist es auch, die – dann völlig zu Recht artikulierte – Aversionen provoziert. Und das gänzlich unnötigerweise. (Er schüttelt gedankenverloren den Kopf, blickt ins Weite und muss schon wieder lachen). Das Zweitschönste an den Steiner-Ausstellungen waren übrigens die ganzen anthroposophischen Möbel in der Alltags-Sektion.

Christoph Kühn: Zugegeben: Manche dieser Anthro-Möbel wirken sehr schwer und klobig, aber ich finde sie gleichzeitig auch futuristisch und so schön organisch. (Er lächelt und nimmt einen Schluck Sprudel).

Felix Hau: Besonders hat mich ja das von Steiner entworfene, schleiflackweiße Donald Duck-Bett für Haus Duldeck begeistert. Ich war darauf nicht vorbereitet! Und es scheint ja in der Tat so zu sein, dass Walt Disney von Steiner inspiriert worden ist – was mich seit Sichtung dieses wunderbaren Schlafmöbels kein bisschen mehr wundert. Kein bisschen!

Ansgar Martins: Wir wollen aber doch auch so hässliche Produkte wie die Thronsessel im Ersten Goetheanum nicht vergessen. Die sind nicht mal mehr belachenswert, die sind einfach klotzig und unelegant!

Felix Hau: Vor allem können die unmöglich bequem sein!

Christoph Kühn: Es gibt ja durchaus Anthroposophen, die in Steiner einen Künstler sehen und so auch sein Werk nur als Kunstwerk betrachten. Die Sympathie für das Schöngeistige und wohl auch das Romantische, manchmal auch für das leicht Versnobte eines Stefan George können da mit hineinspielen ...

Ita Wegman steigt aus ihrem Bilderrahmen, schwebt durch den Raum auf den Tisch zu und streicht liebevoll über die angesammelten anthroposophischen Devotionalien. Christoph beobachtet sie lächelnd, schnürt sich seine dunkelgrünen Turnschuhe, nimmt sein schwarzes Cordjackett, steht vorsichtig auf und verlässt leise und auf spitzen Sohlen den Raum. Die Tür aber fällt krachend ins Schloss. Ita Wegman kraxelt daraufhin mit einem erschreckten „Huch“ auf den Lippen geschwind wieder in ihr Porträt.

Ansgar Martins starrt das Wegman-Porträt einen Moment an und blickt sich dann in aller Seelenruhe im Raum und auf dem Tisch um: Manchmal? Fast alles passt im anthroposophische Rahmen in den ewigen Nachglanz romantisch-mythischen Geistes, wie er sonst höchstens in Erinnerungen an Wagners Bayreuth lebendig ist: Ein bisschen Jugendstil-Gesamtkunstwerk-Konzept, mit viel mehr gutem Willen als Können wird Naturnähe simuliert, das alles getaucht in expressionistische Ästhetik mit einem gewissen Hauch von Romantik à la Stefan-George-Flair. Anthroposophische Kultur konserviert und kombiniert in ihrer Ästhetik im Wesentlichen Gestalten und Gestaltungen des 19. Jahrhunderts – genauso übrigens, wie sie es in den Inhalten tut. Mit einem nicht zu leugnenden Reiz, einer gewissen Gemütlichkeit, und, sobald mensch sie näher kennt, ein wenig zu langweilig. Das Tragischste aber ist: Dabei erhebt sie den Anspruch, in eine „Kultur der Zukunft“ zu weisen.

Felix Hau lacht spitz auf: Stefan George? Ha! Das wäre ja immerhin toll! George-Flair, das würde heißen: schöne Menschen, knisternde Spannung, erotische Andeutungen ... (Er zieht die Torffasern aus, legt kopfschüttelnd den Rosenquarz auf den Tisch und rollt zur Entspannung die Schultern) Aber zu deinem eigentlichen Punkt. Das ist eben exakt meine Frage: Wie kommt es, dass die aktuelle anthroposophische Kultur so rückwärtsgewandt auftritt? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich die Lebensreformbewegung einer avantgardistischen Ästhetik verschrieben – auch, wenn manches den Rückbezug zur Natur thematisierte. Wie kommt es, dass Anthroposophie in ihrem Erscheinungsbild heute eher altbacken wirkt? Das ist doch absurd! Und warum, zum Teufel, gibt es denn kaum AnthroposophInnen, die einen Porsche 911 fahren, in einer abgefuckten 200qm-Loft-Wohnung leben, ihre Sprösslinge nachmittags zum Kickboxen schicken, am liebsten Rindercarpaccio mit Parmesan zum guten Roten genießen und auch mal zwischendurch auf der Waschmaschine vögeln, wenn’s sich gerade ergibt? Und erzählt mir jetzt bitte nicht irgendwas von Bewusstsein; genau das vermisse ich da nämlich.

Christian Grauer: Weil Anthroposophen einen Sozialtick haben, der sich in einem moralisch enorm aufgeladenen Assimilationsdruck äußert. Es könnte nämlich sein, dass man den Porsche fahrenden und auf der Waschmaschine vögelnden Anthroposophen einfach nicht als solchen erkennt, weil er Porsche fährt und auf der Waschmaschine vögelt. Und er will womöglich – aus gutem Grund – nicht als solcher erkannt werden.

Felix Hau: Aber das ist doch gruselig!

Christian Grauer: Ja.

Ansgar Martins: Und wie!

Felix Hau: Mein Problem ist, dass ich den ganzen Ansatz nicht verstehe, der in diese Unerträglichkeit mündet. Wollen die Leute sich denn in geistige Welten emporhäkeln? Meinen sie, der morgendliche Frischkornbrei führe sie zu Erkenntnis und Glück – oder worum geht es ihnen, wenn sie ihr Käppi aufsetzen und den blauen Janker überstreifen? Finden sie das womöglich alles ganz chic?

Christian Grauer: Meine Theorie ist, dass sie einfach nur das gewohnte christliche Moralverständnis auf die Anthroposophie adaptieren. Sie erleben die sinnliche Welt als unvollkommen und glauben, durch einen inneren Kreuzzug zu einem moralischen Vollkommenheitszustand zu kommen, den sie insbesondere mit der Überwindung der Sinnlichkeit und damit einer Veränderung der Um- und Außenwelt verbinden. Dieser Art Anthroposophie liegt wie allen moralisch-missionarischen Ideologien ein fundamentaler Defätismus zugrunde.

Ansgar Martins schaut beide mit trüben Augen an: Jede Szene, noch dazu eine so geschlossene wie die anthroposophische, wahrt ihren eigenen Stil, oder? Dass dieser innere Kreuzzug genau die typisch anthroposophischen Formen annimmt, ist, glaube ich auch ein bisschen die Macht der Tradition. Sie haben eben immer diese Baskenmützen getragen, und, wenn sie das Geld hatten, Häuser ohne rechte Winkel gebaut. Nach 90 Jahren ist das in Fleisch und Blut übergegangen. Der Tod der Idee in der Form.

Christian Grauer flüstert mit geschlossenen Augen und in die Luft gestrecktem Zeigefinger: Immerhin tragen Anthroposophen das Wort „Individualismus“ wie eine Monstranz vor sich her. Vielleicht fehlt ja nur ein Fremdwörterbuch. (Er atmet einmal tief durch) Ich glaube, wir haben alle Klischees durch, oder? Ich brauche jetzt dringend etwas dezidiert Nichtanthroposophisches, sonst falle ich endgültig ins Koma (er steht mit letzter Kraft auf und schleppt sich zur Tür in Richtung Bar).

Ansgar Martins ruft Christian nach: Dabei kommen wir doch gerade an den Kern der Sache... oder des Pudels, um es ein bisschen zu dramatisieren …

Felix Hau: Apropos Pudel (er hält inne, zündet mehrere handgegossene Bienenwachs-Teelichte von Manufactum an, steht auf und stellt unter Ansgars fragenden Blicken je eines auf die Sideboards unterhalb jedes der Porträts), haben Anthroposophen eigentlich Haustiere? Steiner soll mal einen Hund gehabt haben, hab’ ich irgendwo gehört ... (er blickt die Reihe der freundlich flackernden Gedenkkerzlein zufrieden entlang und setzt sich wieder).

Ansgar Martins mit hochgezogener rechter Augenbraue: Wenn du die Dinger wieder ausmachst, red’ ich mit dir drüber. So werd’ ich direkt wieder einschlafen! (Er reckt sich und steht auf)

Felix Hau lacht und schaut Ansgar aus zugekniffenen Augen herausfordernd an: Wenn du jetzt quengelst, schließ’ ich die Tür ab, fessle dich an den Sessel und filze hier vor deinen Augen noch jeweils einen elementarischen Begleitwichtel.

Ansgar Martins der an den kerzenbeleuchteten Bildern auf und ab geht, kneift ebenfalls die Augen zusammen und zischt zurück: Das werden wir ja sehen.

Johann Wolfgang von Goethe und Michael Bauer nehmen Ita Wegman in ihre Mitte und entschweben durch die Terrassentüren in den abendlichen Schlossgarten.  

 

Dieser Auszug erschien auch als Vorabdruck unter dem Titel "Der Tod der Idee in der Form" in der Januar-Ausgabe 2011 der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog.

 

Und? Lacht das Herz und trappst die Nachtigall? Dann kriegen Sie hier den Rest!

 
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